Name
Solti, Georg Sir
Namensvarianten
Stern, György (bis 1926); Solti, Georg; Solti, Georg; Solti, György; Stern, György
Lebensdaten
1912 bis 1997
Geburtsort
Budapest
Sterbeort
Antibes (Südfrankreich)
Beruf/Lebensstellung
Dirigent; Pianist
Konfession
-
Autor NDB
Stephan Hörner
Autor ADB
-
GND
118615424

Solti, Sir Georg (bis 1926 György Stern) (britischer Adel 1971)

Dirigent, Pianist, * 21. 10. 1912 Budapest, 5. 9. 1997 Antibes (Südfrankreich), Budapest.

  • Genealogie

    V Móríc(z) Stern (1878–1943, jüd.), aus Balatonfökajár (Südungarn), Getreidehändler, später Vers.u. Grundstücksmakler; M Teréz Rosenbaum ( 1947), aus Ada (Serbien), 1 Schw; – 1) 1946 1964 Hedwig (Hedi) Oechsli, T e. Doz. d. Chemie an d. Univ. Zürich, 2) 1967 Valerie (* 1936/37, 1] N. N. Sargant), Reporterin d. BBC, Fernsehmoderatorin, Patronin d. v. S. gegr. World Orchestra for Peace, gründete nach S.s Tod mit ihren Töchtern d. Solti Foundation z. Unterstützung junger Musiker, T d. William Pitts; 2 Taus 2).

  • Leben

    S. verbrachte seine Kindheit zunächst in Veszprém, nach 1918 lebte er wieder in Budapest. Sechsjährig erhielt er ersten Musikunterricht, mit zehn Jahren wurde er an der Ernö-Fodor-Musikschule aufgenommen. 1924 begann er an der Franz-Liszt-Akademie zu studieren, u. a. bei Arnold Székely und Béla Bartók (Klavier) sowie Albert Siklós und Ernst (Ernö) v. Dohnányi (Komposition). Zudem erhielt S. Unterricht bei Leo Weiner (Kammermusik), den er als seinen wichtigsten Lehrer betrachtete, während Zoltan Kodály nach S.s eigenen Aussagen nur eine periphere Rolle einnahm. 1930 wurde er Korrepetitor an der Budapester Oper. Es folgte 1932 ein kurzes Intermezzo als Assistent von Josef Krips (1902–74) in Karlsruhe, bevor S. aufgrund der politischen Entwicklung in Deutschland wieder zurück nach Budapest ging, wo nun viele dt. Emigranten wirkten. 1937 assistierte er Arturo Toscanini während der Salzburger Festspiele bei Mozarts „Zauberflöte“. Im März 1938 debütierte S. in Budapest als Dirigent mit „Le nozze di Figaro“. Antisemitische Restriktionen in Ungarn (wegen derer er schon 1926 seinen Namen „ungarisiert“ hatte) führten 1939 zu seiner Entlassung. Die bedrohliche politische Situation zwang S. in die Emigration – über London und Skandinavien, wo er als Pianist konzertierte, in die Schweiz. Hier konzentrierte er sich neben gelegentlichen Dirigierverpflichtungen auf seine Pianistenlaufbahn und gewann 1942 den „Concours de Genève“.

    S.s eigentliche Dirigentenlaufbahn begann 1946, als er nach einem von der amerik. Besatzungsmacht vermittelten Dirigat des „Fidelio“ an der Bayer. Staatsoper München zu deren Generalmusikdirektor ernannt wurde. In dieser Zeit legte er den Grundstock seines Repertoires, arbeitete auch mit Richard Strauss am „Rosenkavalier“. 1952 wechselte er als Generalmusikdirektor und Leiter der Museumskonzerte nach Frankfurt/M. (bis 1961). Seiner dort begonnenen Freundschaft mit Theodor W. Adorno verdankte S. die Begegnung mit der Symphonik Gustav Mahlers und Anton Bruckners, die eine Säule seines Repertoires wurde. Zu den herausragenden Ereignissen der Frankfurter Jahre gehörte die Aufführung von Bergs „Lulu“ 1960. Bei den Salzburger Festspielen debütierte S. 1951 mit Mozarts „Idomeneo“. Er trat hier nur sporadisch auf, begründete jedoch seinen regelmäßigen – nicht immer spannungsfreien – Kontakt zu den Wiener Philharmonikern.|S.s internationale Karriere entwickelte sich rasch. 1953 debütierte er in Amerika mit Aufführungen an der San Francisco Opera, 1959 trat er mit Strauss' „Rosenkavalier“ erstmals an der Covent Garden Opera auf, wo er 1961–71 als musikalischer Leiter wirkte und diese – gegen z. T. heftige Widerstände – zu einem der weltweit führenden Opernhäuser entwickelte. Zu den Höhepunkten seiner Ägide in London gehörte die brit. Uraufführung von Schönbergs „Moses und Aron“. Nach London übernahm er keine leitende Funktion an einem Opernhaus mehr, fungierte aber 1971–73 als Musikalischer Berater der Pariser Oper und kurzeitig (1992/93) in der Nachfolge Herbert v. Karajans als Leiter der Salzburger Osterfestspiele.

    Neben seinen europ. Engagements richtete S. seinen Fokus zunehmend auf Amerika. 1960 debütierte er an der Metropolitan Opera New York mit Wagners „Tannhäuser“ und gastierte dort regelmäßig auch in den folgenden Spielzeiten. Ebenfalls 1960 scheiterte die Verpflichtung als Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra, doch nahm S. die Einladung als Gastdirigent des Dallas Symphony Orchestra für 1961/62 an. 1969 zum Chefdirigenten des Chicago Symphony Orchestra (CSO) ernannt, entwickelte er das Orchester bis zu seinem Abschied 1991 zu einem Ensemble von Weltrang. In dieser Zeit dirigierte er mit dem CSO auch zahlreiche Uraufführungen, u. a. Werke von Martinů, Henze, Tippett und Lutosławski. Daneben leitete S. 1972–75 das Orchestre de Paris sowie 1979–84 das London Philharmonic Orchestra, zu dessen „Conductor Emeritus“ er anschließend ernannt wurde. 1983 dirigierte er bei seinem Bayreuther Debüt den „Ring der Nibelungen“ in der Inszenierung von Peter Hall, die Aufführungen erzielten aber keine nachhaltige künstlerische Wirkung. Ein mediales Großereignis war 1991 die aus dem Wiener Stephansdom weltweit übertragene Aufführung des Requiems von Mozart zu dessen 200. Todestag.

    S.s erste Schallplattenaufnahmen für DECCA als Klavierpartner von Georg Kulenkampff (1898–1948) entstanden schon 1947. Bis zu seinem Tod blieb er bis auf wenige Ausnahmen dieser Firma treu und hinterließ schließlich einen gewaltigen diskographischen Nachlaß, der in seiner Universalität nur mit dem Herbert v. Karajans vergleichbar ist. Seiner Einspielung von Wagners „Ring“ mit den Wiener Philharmonikern – der ersten Studioproduktion überhaupt – kommt bis heute Referenzstatus zu. Bedeutend sind ferner v. a. seine Strauss-Operneinspielungen. S. war einer der prägenden Dirigenten des 20. Jh. Er besaß überragende kapellmeisterische Fähigkeiten und übte vollkommene Kontrolle über seine Musiker aus. Seine Interpretationen waren geprägt von einer Dominanz des Rhythmischen, einer Toscanini entlehnten Präzision und einer strukturellen Klarheit; sein leidenschaftlicher Impetus brachte ihm zuweilen den Vorwurf mangelnden Tiefgangs und reiner Oberflächenbrillianz ein.

    • Auszeichnungen

      Commander of the British Empire (1968); Knight of the British Empire (1971); Dr. h. c. (Leeds 1971; Oxford 1972; Univ. of London 1986; Durham; Surrey; Chicago; Yale 1974; Harvard 1979; Eastman School of Music d. Furman Univ., Greenville, South Carolina); Prof. h. c. d. Landes Baden-Württ. (1985); Gold Medal d. Royal Philharmonic Soc. (1989); Medal of Merit d. Stadt Chicago (1987); Edward Moss Martin Award d. Union League Civic and Arts Foundation, Chicago (1988); Frankfurter Musikpreis (1992); Gr. Verdienstkreuz mit Stern d. Rep. Ungarn (1993); Gr. BVK mit Schulterband u. Stern (1993); Hans Richter-Medaille d. Wiener Philharmoniker (1993); Hans-v.-Bülow-Medaille d. Berliner Philharmoniker (1993); Kennedy Center Honour (1994); Légion d'Honneur (1995); Commandeur de l'Ordre des Arts et des Lettres (1995); Rr. d. Gr. Verdienstkreuzes d. Rep. Italien (1996); Lifetime achievement award d. Nat. Ac. of Recording Arts and Sciences (1996); – neben anderen Schallplattenpreisen 31 Grammy awards (mehr als jeder andere Künstler); – Prix Solti d. Ac. du Disque Lyrique, Paris, f. junge Sänger (seit 1996; erste Preisträgerin war Renée Fleming); Solti Foundation, London (seit 1998).

    • Werke

      über 40 Operngesamteinspielungen, meist mit d. Wiener Philharmonikern, mehr als 250 LPs/CDs; aus d. Fülle d. symphon. Einspielungen, die nahezu d. gesamte Standardrepertoire abdecken, ragen die Gesamtdarstellungen d. Symphonien Mahlers heraus; als authentisch dürfen auch seine Bartók-Interpretationen gelten; – Autobiographie: S. on S., 1997 (mit Harvey Sachs), dt. u. d. T.: S. über S., 1997.

    • Literatur

      J. Culshaw, Ring Resounding, 1967; P. Robinson, S., 1979, dt. u. d. T.: G. S., 1983; J. Kaiser, G. S.s Geheimnis, Zum 80. Geb.tag e. gr. Dirigenten, in: SZ v. 21. 10. 1992 (P); New York Times v. 6. 9. 1997; P. Jonas, Erfüllt v. Vitalität u. Charisma, Eine Jh.figur, in: SZ v. 8. 9. 1997 (P); E. Müller-Meinigen, Ein Überlebender furchtbarer Zeiten, ebd. (P); J. Hunt, Gramophone stalwarts, Bruno Walter, Erich Leinsdorf, G. S., 3 Separate Discographies, 2001, S. 239–345 (Diskogr.); St. Jaeger, Das Atlantisbuch d. Dirigenten, 1985; H.-K. Jungheinrich, Die gr. Dirigenten, 1986; R. H. Cowden, Concert and Opera Conductors, 1987; Wolfgang Schreiber, Gr. Dirigenten, 22007; Klimesch (P); MGG; New Grove (P); New Grove2 (P); MGG2; Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft; ANB Suppl. 2; Oxford DNB (P)

    • Portraits

      P Bronzebüste v. Elisabeth Frink, 1987 (Chicago, Lincoln Park).

  • Autor

    Stephan Hörner
  • Empfohlene Zitierweise

    Hörner, Stephan, "Solti, Sir Georg" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 558-559 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118615424.html
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Solti, Georg Sir