Name
Schmitt, Carl
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1888 bis 1985
Geburtsort
Plettenberg (Sauerland, Westfalen)
Sterbeort
Plettenberg (Sauerland, Westfalen)
Beruf/Lebensstellung
Staatsrechtler
Konfession
katholisch
Autor NDB
Reinhard Mehring
Autor ADB
-
GND
11860922X

Schmitt, Carl

Jurist, Staatsrechtslehrer, * 11.7.1888 Plettenberg (Sauerland, Westfalen), 7.4.1985 Plettenberg (Sauerland, Westfalen), Plettenberg-Eiringhausen. (katholisch)

  • Genealogie

    V Johann (1853–1945), Postbeamter, kaufmänn. Angest. in P., S d. Nikolaus (1826–81), Bauer, Gastwirt u. Bäcker in Bausendorf (Eifel), u. d. Anna Franzen (* 1827); M Louise (1863–1943), T d. Franz Josef Steinlein (1833–1911), Zollbeamter im Elsaß, u. d. Auguste Luise Bell (1836–91); Schw Auguste (1891–1992), Lehrerin in Hagen, Anna Margarete (1902–54), Klavierlehrerin in P.; B Josef (1893–1970), Arzt in Köln; – 1) Köln 1915 1924 Pawla (Pabla, Pauline) Carita (* 1883, verschollen), aus Wien, T d. Johann Dorotič, aus Agram, Spengler, u. d. Auguste Maria Franziska Schachner, aus Wien, 2) Bonn 1926 Duška Todorowić (1903-50); 1 T aus 2) Anima Louise (1931–83, Alfonso Otero, 1925–2001, Prof. f. Rechtsgesch. in Santiago de Compostela, Spanien, s. Homenaje al profesor A. O., 1981); E Beatriz Otero-Schmitt (* 1958), Behördenangest., Carlos Otero-Schmitt (* 1960), Architekt, Jorge Otero-Schmitt (* 1963), Meeresbiologe, Álvaro Otero-Schmitt (* 1968), Jur., alle in Santiago de Compostela.

  • Leben

    S. besuchte zunächst die kath. Volksschule in Plettenberg, seit 1900 das humanistische Gymnasium in Attendorn. Nach glänzendem Abitur und Studium der Rechtswissenschaft in Berlin (1907), München (1907/08) und Straßburg (seit WS 1908/09) wurde er 1910 bei seinem wichtigsten Lehrer und Mentor, Friedrich van Calker (1864–1957), mit der strafrechtlichen Arbeit „Über Schuld und Schuldarten“ in Straßburg promoviert. Anschließend Gerichtsreferendar (Amtsger. Lobberich, seit 1911 Staatsanwaltschaft d.|Oberlandesger. Düsseldorf), legte er 1915 sein Assessorexamen ab. Von Febr. 1915 bis Juli 1919 war er, garnisonsdienstfähig und 1916 für die Habilitation in Straßburg kurz beurlaubt, als Soldat und Assessor in der Heeresverwaltung beim Stellv. Generalkommando des 1. Armee-Korps in München tätig. Danach hauptamtlicher Dozent an der Handelshochschule München, nahm er 1919/20 an der Vorlesung und am Dozentenseminar Max Webers (1864–1920) teil. Zum Wintersemester 1921/22 wechselte er auf eine o. Professur nach Greifswald und zum Sommersemester 1922 nach Bonn, wo er in den nächsten Jahren seine Verfassungstheorie ausarbeitete und bedeutende akademische Schüler (u. a. Ernst Forsthoff, Ernst Friesenhahn, Ernst Rudolf Huber, Otto Kirchheimer, Werner Weber) gewann. 1928 wechselte er an die Handelshochschule Berlin, 1933 nach Köln und im Herbst 1933 an die Univ. Berlin, wo er bis Kriegsende lehrte. Rufe nach München, Leipzig und Heidelberg lehnte er ab.

    In seiner staatsphilosophischen Habilitationsschrift „Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen“ (1914, 22004) unterschied S. „Macht und Recht“ grundsätzlich: Er legitimierte den Staat durch die Aufgabe, Recht zu verwirklichen und dem Einzelnen im „Dienst“ am Staat rechtliche „Bedeutung“ zu geben. In „Die Diktatur, Von den Anfängen des modernen Souveränitätsgedankens bis zum proletarischen Klassenkampf“ (1921, 61994) konstatierte S. dann eine Tendenz von der „kommissarischen“ zur „souveränen“ Diktatur und eine Anfälligkeit moderner Verfassungen für diktatorische Entwicklungen. Unter dem Titel „Politische Theologie“ (1922, 82004) entwickelte S. – auch nach dem Vorbild der kath. Kirche (Röm. Katholizismus u. pol. Form, 1923) – seine „Lehre von der Souveränität“: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Er betrachtete den liberalen Parlamentarismus als eine „geistesgeschichtlich“ überholte, unglaubwürdig gewordene, antiquierte Form politischer Willensbildung (Die geistesgeschichtl. Lage d. heutigen Parlamentarismus, 1923, 81996). In zahlreichen Publikationen setzte er sich kritisch mit der Friedensordnung von Versailles und dem Genfer Völkerbund sowie den „liberalistischen“ Bestandteilen der Weimarer Verfassung auseinander.

    In seinem Hauptwerk „Verfassungslehre“ (1928, 92003) führte S. die strikte Unterscheidung von „Liberalismus“ und „Demokratie“ systematisch durch und verlieh dem baldigen Abbau der liberalen, „rechtstaatlichen Bestandteile“ moderner Verfassungen das begriffliche Gerüst. 1930-33 unterstützte S. das Weimarer Präsidialsystem (Der Hüter d. Vfg., 1931, 41996, span. 21998) auch durch juristische Gutachter-, Anwalts- und Beratertätigkeit für die Reichsregierung. Seinen Standpunkt formulierte er 1927/32 in seiner wohl bekanntesten Programmschrift „Der Begriff des Politischen“ besonders prägnant und wirksam: „Die spezifisch politische Unterscheidung […] ist die Unterscheidung von Freund und Feind.“

    Obwohl S. vor 1933 eine Selbstaufgabe des Weimarer Präsidialsystems und eine Machtübergabe an Hitler verhindern wollte, stellte er sich sofort auf das neue Regime ein, trat am 1.5.1933 der NSDAP bei und wirkte in zahlreichen Ämtern und Schlüsselpositionen an der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Rechtswissenschaft und Justiz mit. Er rechtfertigte das NS-Regime staatstheoretisch (Staat, Bewegung, Volk, 1933, 21934), verfassungsgeschichtlich (Staatsgefüge u. Zus.bruch d. zweiten Reiches, 1934), rechtsphilosophisch (Über d. drei Arten d. rechtswiss. Denkens, 1934, 21993) und völkerrechtlich (NS u. Völkerrecht, 1934). In kleineren Artikeln legitimierte er die Mordaktionen vom 30.6.1934 (Der Führer schützt d. Recht, 1934), die Nürnberger Rassegesetze (Die Vfg. d. Freiheit, 1935) und den Antisemitismus (Die dt. Rechtswiss. im Kampf gegen d. jüd. Geist, 1936). Dennoch verlor er Ende 1936 auf Betreiben konkurrierender Juristen wie Otto Koellreutter, Reinhard Höhn und Karl August Eckhardt nach öffentlichen Angriffen im SS-Organ „Schwarzes Korps“ seine Partei- und Ehrenämter bis auf den Berliner Lehrstuhl sowie den Titel des Preuß. Staatsrats. Seine schon durch diese Angriffe veränderte Stellung zum „totalen“ Staat reflektierte er 1938 in einem Buch über Thomas Hobbes (Der Leviathan in d. Staatslehre d. Thomas Hobbes, 1938). In den nächsten Jahren wandte er sich – auch in Rechtfertigung des NS-Expansionskriegs, des Großraumdenkens und des „Interventionsverbots für raumfremde Mächte“ (Völkerrechtl. Großraumordnung, 1939/41) – verstärkt rechtshistorischen und völkerrechtlichen Themen zu.

    1945 seines Berliner Lehrstuhls enthoben, wurde er vom 26.9.1945 bis 10.10.1946 erstmals interniert, am 19.3.1947 erneut verhaftet, im Rahmen der Nürnberger Prozesse vernommen und am 6.5.1947 ohne Anklage wieder entlassen. 1950 erschien die völkerrechtsgeschichtliche Summe „Der Nomos|der Erde im Völkerrecht des Ius Publicum Europaeum“ (41997). Seiner Rolle im Nationalsozialismus wegen höchst umstritten, knüpfte S. in der Bundesrepublik erneut schulbildende Kontakte. Der Richtungsstreit der Weimarer Staatsrechtslehre wurde in der frühen Bundesrepublik als Streit der S.-Schüler (E. Forsthoff, W. Weber, R. Schnur, E.-W. Böckenförde) mit den Schülern Rudolf Smends (1882–1975) weitergeführt. S. führte bis ins hohe Alter eine rege Korrespondenz (u. a. mit Ernst Jünger) sowie seine Reise- und Vortragstätigkeit fort. Seine „Theorie des Partisanen, Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen“ (1963, 52002) beschrieb den kriegsgeschichtlichen Wandel des Partisanen vom nationalistischen Widerstandskämpfer zum weltrevolutionären Terroristen. Seine letzte Monographie „Politische Theologie II, Die Legende von der Erledigung jeder politischen Theologie“ (1970, 41996) betonte 1970 erneut religiöse Motive seines Werkes.

    S.s autoritärer Etatismus wirkte international zunächst v. a. ins faschistische Italien, in das francistische Spanien und weiter nach Südamerika. Seine systematischen Überlegungen zu den religiösen und „theologischen“ sowie „geistesgeschichtlichen“ Voraussetzungen politischer Verfassungen einerseits und deren außerjuridischen Machtgrundlagen andererseits, mit ihrer Historisierung des Parlamentarismus, des Liberalismus und des neuzeitlichen Projektes des säkularen Verfassungsstaates interessieren heute im Horizont aktueller Tendenzen zu supranationalen und globalen politischen formen. Zahlreiche Begriffsprägungen S.s sind – teils selektiv – breit rezipiert.

    • Auszeichnungen

      Preuß. Staatsrat (1933–45); Mitgl. d Ak. f. Dt. Recht (1933–36); Leiter d. Reichsfachgruppe Hochschullehrer im Bund Nat.soz. Dt. Juristen (BNSDJ) (1933–36).

    • Werke

      Weitere W Gesetz u. Urteil, 1912, 21969;  Pol. Romantik, 1919;  Die Kernfrage d. Völkerbundes, 1926;  Hugo Preuss, Sein Staatsbegriff u. seine Stellung in d. dt. Staatsrechtslehre, 1930;  Legalität u. Legitimität, 1932, in: ders., Vfg.rechtl. Aufss. aus d. J. 1924-1954, 1958, 42003, S. 263-345;  Positionen u. Begriffe, Im Kampf mit Weimar – Genf – Versailles, 1923–1939, 1940, 31994;  Ex Captivitate Salus, 1950;  Vfg.rechtl. Aufss., 1958;  Glossarium, Aufzeichnungen aus d. J. 1947-1951, 1991;  Staat, Großraum, Nomos, hg. v. G. Maschke, 1995;  Ernst Jünger – C. S., Briefwechsel 1930-1983, hg. v. H. Kiesel, 1999;  Tagebücher 1912-1915, hg. v. E. Hüsmert, 2003;  Frieden oder Pazifismus?, hg. v. G. Maschke, 2005;  Die Mil.zeit 1915 bis 1919, Tageb. Febr. bis Dez. 1915, Aufss. u. Materialien, hg. v. E. Hüsmert u. G. Giesler, 2005;  – W-Verz.: P. Tommissen, in: FS f. C. S. z. 70. Geb., hg. v. H. Barion, E. Forsthoff, W. Weber, 1959, 31994, S. 274-330 (P)ders., in: Epirrhosis, Festgabe f. C. S., hg. v. H. Barion, E.-W. Böckenförde, E. Forsthoff u. W. Weber, II, 1968, S. 187-238;  A. de Benoist, C. S., Bibliogr. seiner Schrr. u. Korr., 2003;  – Hg.: Schrr.reihe „Der dt. Staat d. Gegenwart“;  DJZ, 1934-36;  |

    • Literatur

      P. Tommissen (Hg.), Schmittiana, Btrr. zu Leben u. Werk C. S.s, Bde. 1-8, 1988-2003;  D. van Laak, Gespräche in d. Sicherheit d. Schweigens, C. S. in d. pol. Geistesgesch. d. frühen Bundesrep., 1993;  P. Noack, C. S., Eine Biogr., 1993;  A. Koenen, Der Fall C. S., Sein Aufstieg z. „Kronjuristen d. Dritten Reiches“, 1995;  H. Quaritsch, Positionen u. Begriffe C. S.s, 31995;  ders. (Hg.), C. S.s Antworten in Nürnberg, 2000;  M. Stolleis, Gesch. d. öff. Rechts in Dtld. III, 1999;  ders., in: Biogr. Lex. z. Weimarer Rep.ders., in: HRG IV, 1990;  R. Mehring, C. S. z. Einf., 22001 (P);  D. Blasius, C. S., Preuß. Staatsrat in Hitlers Reich, 2001;  H. Hofrnann, Legitimität gegen Legalität, Der Weg d. pol. Philos. C. S.s, 42002;  F. Günther, „Denken vom Staat her“, Die bundesdt. Staatsrechtslehre zw. Dezision u. Integration 1949-1970, 2004;  Killy;  Kosch Lit.-Lex.3 (Bibliogr.);  R. Mehring, in: Metzler Philosophen Lex. (P);  W. Gebhardt, in: BBKL (Bibliogr.);  H. Quaritsch, in: Lex. Konservatismus (Bibliogr., P);  I. Ebert, in: DBE;  E.-W. Böckenförde, in: LThK3;  D. van Laak, in: Westfäl. Lb. 17, 2005 (P)Lilla, Preuß. Staatsrat.

    • Portraits

      Fotos im Nachlaß;  Fotoarchiv d. FAZ.

  • Autor

    Reinhard Mehring
  • Empfohlene Zitierweise

    Mehring, Reinhard, "Schmitt, Carl" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 236-238 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn11860922X.html
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Schmitt, Carl

Portrait(nachweise)

Schmitt, Carl