Name
Mitscherlich, Alexander
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1908 bis 1982
Geburtsort
München
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Lebensstellung
Psychoanalytiker
Konfession
konfessionslos
Autor NDB
Iring Fetscher
Autor ADB
-
GND
118582801

Mitscherlich, Alexander

Psychoanalytiker, Kulturkritiker, * 20.9.1908 München, 26.6.1982 Frankfurt/Main. (konfessionslos)

  • Genealogie

    V Harbord (1883–1961), Chemiefabr., S d. Alexander (s. 2); M Clara Heigenmooser (1885–1965), Verwandte (N ?) d. bayer. Volksschausp. Konrad Dreher (1859–1944, s. NDB IV); Ur-Gvv Eilhard (s. 1); Ov Eilhard Alfred (s. 3); – 1) Berlin 1932 Melitta Behr, Ärztin, 2) Freiburg (Breisgau) 1936 GeorgiaWiedemann, 3) Heidelberg 1955 Margarete M.-Nielsen (* 1917), Dr. med., Schriftst. u. Psychoanalytikerin am Sigmund-Freud-Inst. in F. (s. Wi. 1985–92), T d. Arztes Nis Peter Nielsen (* 1869) in Graasten (Dänemark) u. d. Lehrerin Margarete Leopold (* 1880); 2 T aus 1), 2 S, 1 T aus 2), 1 S aus 3).

  • Leben

    M. litt als Heranwachsender unter einem autoritären, deutschnational gesinnten Vater. Nach Absolvierung des Gymnasiums in Hof studierte er an der Univ. München zunächst Geschichte. Damit brach er mit der Familientradition, die durch drei Generationen hindurch Naturwissenschaftler hervorgebracht hatte. Die Promotion mit einer Arbeit über die subjektiven Aspekte von Luther-Darstellungen, die der Historiker Paul Joachimsen (ein getaufter Jude) als Dissertationsthema akzeptiert hatte, scheiterte an der Weigerung von dessen antisemitischem Nachfolger Karl Alexander v. Müller, Arbeiten seines Vorgängers weiter zu betreuen. Seine Ehe mit einer Arztin (1932) ermöglichte M., sich als Buchhändler selbständig zu machen und nach Berlin zu ziehen. Freundschaften mit Ernst Jünger und Ernst Niekisch beeinflußten ihn. Seine finanziellen Verhältnisse erlaubten es ihm sogar, Teilhaber von Niekischs „Widerstands-Verlag“ zu werden. Der Nationalbolschewist Niekisch war durch sein Buch „Hitler ein deutsches Verhängnis“ (1932) den Nazibehörden anstößig geworden. M.s Buchhandlung, die für Niekisch warb, mußte daher 1935 aufgegeben werden. M. zog mit seiner Familie nach Freiburg (Breisgau), wo er ein in Berlin begonnenes Medizinstudium fortsetzte; wenig später studierte er in Zürich weiter. In der Schweiz und später noch einmal unterzog sich M. einer psychoanalytischen Behandlung, an die er sich dankbar erinnerte.

    Als er im Februar 1937 für kurze Zeit nach Deutschland kam, um einen Anwalt für den verhafteten Freund Niekisch zu besorgen, wurde er festgenommen. Nach achtmonatiger Untersuchungshaft in Nürnberg wurde er wegen ungenügenden Beweismaterials entlassen, erhielt aber die Auflage, in Deutschland das Studium fortzusetzen und sich regelmäßig bei der Polizei zu melden. Nach der Entlassung nahm ihn Viktor v. Weizsäcker verständnisvoll als Studierenden und nach der Promotion 1941 als Mitarbeiter an der Universitätsklinik Heidelberg für Innere Krankheiten auf. Durch Weizsäcker wurden ihm die in Deutschland verbotenen Arbeiten von Sigmund Freud, für die er sich schon in München zu interessieren begonnen hatte, zugänglich gemacht, so daß er sich dessen Theorien nunmehr gründlich aneignen konnte. Weizsäcker prägte seine Auffassung von der humanen Aufgabe des Arztes, der im Patienten den ganzen Menschen zu erkennen hat. Der Zusammenhang von physischen Krankheiten und seelischen Leiden stand schon in Weizsäckers Buch „Studien zur Pathogenese“ (1935) im Mittelpunkt, das für M. „ein Markstein auf dem Weg eines neuen klinischen Denkens“ war (Ges. Schrr. VII, S. 387). Eine schwere Gelenkveränderung am Knie, Wehrunwürdigkeit und zuletzt die Unabkömmlichkeit als Leiter einer neurologischen Ambulanz bewahrten ihn vor dem Kriegsdienst.

    Am 17.5.1945 wurde M. von den amerikan. Besatzungsbehörden zum Mitglied der „Regionalen Zivilregierung für Saar, Pfalz, Rheinhessen“ ernannt und mit der Leitung des Gesundheitswesens betraut. Die wenig später erfolgte Abtretung der linksrhein. Gebiete an die franz. Besatzungszone ohne vorherige Information der „Regierung“ veranlaßte ihn, sein Amt niederzulegen. M. wurde von der ärztlichen Standesvertretung als Beobachter zum Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß gegen Ärzte entsandt. Seine gemeinsam mit Fred Mielke verfaßte Dokumentation „Das Diktat der Menschenverachtung“ (1947), in der er aufzeigt, wie verführbar eine den lebendigen Menschen vernachlässigende Medizin war und mit welcher Bedenkenlosigkeit selbst angesehene Kliniker sich im Namen der Wissenschaft an Menschenversuchen beteiligten, stieß auf wehleidige Abwehr zahlreicher Kollegen. Hier begegnete M. zum ersten Mal das Phänomen der Verdrängung und des „Vergessens“ der Nazizeit, auf das er – zusammen mit seiner dritten Frau Margarete – in dem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern, Grundlagen kollektiven Verhaltens“ (1967) ausführlich eingegangen ist.

    In zahlreichen Vorträgen und Artikeln trat M. für die Wiederaufnahme der Psychoanalyse als Therapie und als Methode der Kulturkritik ein. Seine Habilitationsschrift „Vom Ursprung der Sucht, eine pathogenetische Untersuchung des Vieltrinkens“ (1947) macht noch sparsamen Gebrauch von Freuds Erkenntnissen, aber die unter dem Titel „Krankheit als Konflikt“ zusammengefaßten Arbeiten (Ges. Schrr. II) sind bereits eindrucksvolle Beispiele für die Fruchtbarkeit der Psychoanalyse für Diagnose und Therapie psychosomatischer Krankheiten. Viele von M.s Arbeiten erschienen seit 1947 in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Psyche“, die sich nicht allein an Ärzte und Psychotherapeuten, sondern auch an das allgemeine Publikum wandte.

    Trotz wachsender Anerkennung im In- und Ausland dauerte es noch bis 1960, ehe M. einen ordentlichen Lehrstuhl für Psychoanalyse – an der Univ. Frankfurt und in der Philosophischen Fakultät – erhielt. Im selben Jahr ermöglichte die hess. Landesregierung die Gründung des „Sigmund-Freud-Instituts“, das sich unter M.s Leitung der Ausbildung von Psychoanalytikern und der Anwendung der analytischen Methode auf soziale und kulturelle Phänomene widmete. Bis zu seiner Emeritierung 1973 hielt M. regelmäßig Vorlesungen, 1976 legte er das Direktorat seines Instituts nieder.

    Drei Arbeiten sind es vor allem, die M. über den Kreis der Fachkollegen hinaus international Ansehen verschafft haben. Den Anfang machte das Buch „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“ (1963), in dem die seelischen Auswirkungen der „Entmachtung“ des Familienvaters infolge der Beschleunigung wissenschaftlich-technischer Entwicklungen, der „Spurlosigkeit“ von Arbeit und der erhöhten Mobilität analysiert werden. Die Ohnmacht der realen Väter hat freilich nicht immer eine größere Eigenständigkeit der Menschen zur Folge, umgekehrt führt sie sogar häufig zur Unterwerfung unter Ersatz-Väter, mit deren Über-Ich-ldeal sich die scheinbar Emanzipierten identifizieren. Die Diskrepanz zwischen einer immer rascheren äußeren wirtschaftlich-technischen Entwicklung und dem Zurückbleiben der seelischen Reifung hat M. auch in zahlreichen anderen Arbeiten untersucht.

    In „Die Unfähigkeit zu trauern“ diagnostiziert M. – ausgehend von Erfahrungen mit deutschen Patienten – eine weitgehende Verdrängungs- und Verleugnungsstrategie gegenüber den Verbrechen der Nazizeit und der eigenen Anhängerschaft gegenüber den damaligen „Führern“. Der plötzliche Verlust des „Ich-Ideals“ löste nicht Trauer aus, sondern führte zu einer tiefen Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls – zu Melancholie. Um dieser Melancholie zu entgehen, mußte offenbar die unmittelbare Vergangenheit derealisiert werden. Folge dieser Verleugnung war aber eine verbissene Konzentration auf die Arbeit und eine gefährliche Starrheit in der Haltung gegenüber der Umwelt. 1970 drückte M. die Hoffnung aus, daß die neue Ostpolitik dazu führen werde, „ein Stück der so lange aufgeschobenen Bearbeitung der Vergangenheit unter dem Realitätsprinzip zu bewirken“ (Ges. Schrr. IV, S. 91). Auf den Einwand, er benütze seine an kranken Individuen gewonnenen Einsichten, um eine ganze Gesellschaft zu beurteilen, erwidert M., daß die Häufigkeit und gewisse gemeinsame Züge im Verhalten großer Bevölkerungsteile derartige Verallgemeinerungen legitimieren.

    Das dritte einflußreiche Buch M.s beschreibt die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ (1965) und will ausdrücklich „zum Unfrieden anstiften“. In der lieblosen Zersiedlung der Landschaft und der Monotonie der Vorstadt-Einfamilienhäuser erblickt M. eine weitere Folge jener erstarrten Haltung, die er in „Die Unfähigkeit zu trauern“ diagnostiziert hatte. Sein Vorschlag, das städtische Bodenrecht zu revolutionieren, greift auf Gedanken zurück, die er 1946 in einer – zusammen mit Alfred Weber verfaßten – Broschüre über „Freien Sozialismus“ entwickelt hatte. Dabei stand für M. die entschiedene Ablehnung der sowjet, totalitären Gesellschaft nie in Frage, auch wenn er den fanatischen Antikommunismus als Ideologie der Ex-Nazis kritisierte. „Wie Freud und Ferenczi gehörte M. in die Reihe der Ärztephilosophen, die – in Einlösung des von Schelling formulierten Programms – daran arbeiteten, die bewußte Praxis der Individuen und Kollektive durch Anamnese aufzuhellen, zu lernen und zu lehren, in welchem Maße wir Autoren unseres Schicksals sind und in welchem Maße wir es darum sabotieren können“ (H. Dahmer).|

    • Auszeichnungen

      Friedenspreis d. Dt. Buchhandels (1969), Goldene Wilhelm-Bölsche-Medaille (1972), Kulturpreis d. Stadt München (1973), Wilhelm-Leuschner-Medaille (1973).

    • Werke

      Freiheit e. Utopie? Ausgew. Schrr. 1946–76, 1975; Ein Leben f. d. Psychoanalyse, Anmerkungen zu meiner Zeit, 1980 (Autobiogr.) Ges. Schrr., 10 Bde., fünf Abt. (Psychosomatik, Sozialpsychol., Pol.-publizist. Aufsätze, Psychoanalyse, Vorlesungen), 1983, (W-Verz. in: X, S. 623-71).

    • Literatur

      P. Brückner u. a. (Hrsg.), Psychoanalyse, Zum 60. Geb.tag v. A. M., 1968 (L, P); H.-M. Lohmann, A. M. mit Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, 1987 (W, L, P); H. Dahmer, in: Psyche 1982, H. 12; ebd. 1983, H. 4 (Btrr. v. I. Fetscher, J. Habermas, W. Loch, P. Parin, L. Rosenkötter, H. Thomä, S. Unseld); ebd., H. 11, 1984 (Btrr. v. K. Brede, H. M. Lohmann, U. Irion); Kosch, Lit.-Lex.3; Killy; Internat. Soziologenlex., hrsg. v. W. Bernsdorf u. H. Knospe, II, 21984.

  • Autor

    Iring Fetscher
  • Empfohlene Zitierweise

    Fetscher, Iring, "Mitscherlich, Alexander" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 572-574 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118582801.html
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Mitscherlich, Alexander