Name
Bonifatius
Namensvarianten
Winfrid (ursprünglich); Bonifacius; Winfried-Bonifatius
Lebensdaten
672 bis 754
Geburtsort
an unbekanntem Ort in Wessex
Sterbeort
-
Beruf/Lebensstellung
Organisator der ostfränkischen Kirche; Missionserzbischof; Heiliger; Apostel der Deutschen
Konfession
katholisch
Autor NDB
Theodor Schieffer
Autor ADB
Hase.
GND
118513249

Bonifatius (heilig, ursprünglich Winfrid)

* 672/73 an unbekanntem Ort in Wessex, erschlagen 5.6.754 bei Dokkum (Friesland).

  • Leben

    Einer Grundherrenfamilie entstammend, im Kloster Exeter aufgewachsen, erfuhr B. in Nursling (bei Winchester) die entscheidende Formung: das benediktinische Mönchtum, die festgefügte, der Verbundenheit mit Rom bewußte angelsächsische Landeskirche, die von dem Theologen und Dichter Aldhelm beherrschte Bildungswelt von Wessex gaben ihm das unverlierbare geistige Gepräge. In Nursling wurde er Leiter der Klosterschule; eine Anzahl Dichtungen, eine Grammatik und eine Metrik sind als Niederschlag dieser Lehrtätigkeit zu betrachten. Schon im reifen Mannesalter stehend, entschloß er sich, der iroschottischen und angelsächsischen Tradition der peregrinatio zu folgen und sich der Missionsarbeit bei den stammverwandten Heiden zu widmen. Nachdem ein erster Versuch in Friesland 716 an politischen Widrigkeiten gescheitert war, schied B. 718 für immer aus der Heimat, mit der er nur brieflich zeitlebens in enger Fühlung blieb. Dem Vorbilde des Friesenapostels Willibrord folgend, begab er sich nach Rom, um vom Papste die Ermächtigung zur Heidenbekehrung einzuholen. In einem Schreiben vom 15.5.719, das diesen Auftrag aussprach, erhielt er von Gregor II. den Namen des römischen Heiligen vom Vortage, B., den er seitdem regelmäßig führte. Er wirkte zunächst kurze Zeit in Thüringen, trat aber nach dem Tode des frankenfeindlichen Friesenherzogs Radbod (719) in den Dienst Willibrords.

    Er trennte sich jedoch (wohl 721) von seinem Meister und begann mit der Glaubensverkündigung in Hessen; in Amöneburg (östlich von Marburg) entstand sein erstes Kloster. Nach bedeutenden Anfangserfolgen nahm B. neue Verbindung mit dem Papste auf. Gregor II. entbot ihn nach Rom und weihte ihn am 30.11.722 zum Bischof. Angelsächsischer|Missionspraxis entsprechend suchte B. zugleich Rückhalt bei der Staatsgewalt; Karl Martell stellte ihm auch einen Schutzbrief aus (723), aber von einer ernstlichen Förderung durch den Hausmaier ist nichts zu erkennen. B. blieb auf die dem Frankenreiche erst lose angegliederten Randgebiete beschränkt, was sich freilich fürs erste ohnehin in seine Pläne fügte. Mit verstärkter Energie und Autorität nahm er seine Wirksamkeit wieder auf, zunächst in Hessen - die Fällung der Donarseiche in Geismar (unweit von Fritzlar) gehörte in diese Zeit -, bald auch in Thüringen (seit 725), wo weniger das Heidentum als ein noch wenig gefestigtes Christentum ihm Widerstände entgegensetzte. Im glücklichen Fortgang gewann sein Werk eine breitere organisatorische Grundlage. Gregor III. ernannte ihn (wohl 732) zum Erzbischof mit der Befugnis, Bischöfe einzusetzen. Da Karl Martell seine Hilfe versagte, kam die Errichtung von Bistümern freilich nicht zustande, aber die angelsächsische Heimat lieh moralische und materielle Unterstützung und sandte Gefährten, darunter Wigbert, den ersten Abt von Fritzlar, und des B. Verwandte Lioba (Leobgytha); zu den Klostergründungen Ohrdruf und Fritzlar kamen am Main die Frauenklöster Tauberbischofsheim, Kitzingen und Ochsenfurt; aus Bayern stieß Sturmi als neuer Schüler zu ihm. Bei der dritten Romreise 737/38 erweiterte Gregor III. die Vollmachten und Aufträge des B., der zugleich in den Landsleuten Wunibald, Lul, Burchard abermals Schüler gewann: als legatus Germanicus sollte er das Christentum auch unter seinen eigentlichen Stammesgenossen, den 'Altsachsen', verkünden - diese Krönung seines Werkes blieb ihm freilich versagt -, und vor allem sollte er in Hessen, Thüringen und Bayern eine feste Kirchenorganisation aufbauen. Aber die Unterstützung durch die fränkische Staatsgewalt blieb auch jetzt aus; nur in dem weitgehend selbständigen Bayern konnte B. 739 mit Hilfe Herzog Odilos in Anlehnung an bereits bestehende kirchliche Brennpunkte vier Diözesen errichten und Oberhirten einsetzen: Gawibald in Regensburg, Erembert in Freising, Johannes in Salzburg; in Passau verblieb der bereits früher vom Papste geweihte Vivilo. Die bayerische Landeskirche blieb freilich nicht lange unter der Aufsicht des Erzbischofs B.; Odilo setzte 745 in Salzburg den Iroschotten Virgil ein, mit dem B. über kosmologische Fragen in einen langwierigen Streit geriet.

    Der Tod Karl Martells 741 brachte die große Wende. Karlmann und Pippin standen dank einer gewissen geistlichen Erziehung den kirchlichen Anliegen aufgeschlossener gegenüber. Die Bistumsorganisation in Thüringen und Hessen wurde jetzt realisiert (742). B. errichtete die Diözesen Würzburg (erster Bischof Burchard), Büraburg (Witta) und Erfurt (Bischof unbekannt); Büraburg und Erfurt gingen wohl bald nach seinem Tode im Mainzer Sprengel auf. B. weihte am 21.10.742 auch Wunibalds Bruder Willibald, der, aus Montecassino und Rom kommend, im Jahre zuvor zu ihm gestoßen war und seinen Sitz in Eichstätt genommen hatte, zum Bischof, doch scheint es, daß sein Bistum (das dem Verbande der fränkischen, nicht der bayerischen Kirche angehörte) erst nach einigen Jahren (745 ?) wirklich errichtet werden konnte; in seinem Bezirk entstanden die Klöster Heidenheim und Solnhofen. In enger Verschmelzung politischer und kirchlicher Ziele betrieben die neuen Hausmaier, im Bunde mit B. und dem Papsttum, eine Gesamtreform der fränkischen Kirche und den Ausbau ihrer monarchischen Gewalt, im Widerstreit zum austrasischen Adel, der mit Gestalten wie Milo von Trier-Reims und Gewilib von Mainz auch den Episkopat beherrschte. Im so genannten Concilium Germanicum, das am 21.4.743 an unbekanntem Orte tagte, bestätigte Karlmann die neuen Bischöfe und B. als austrasischen Erzbischof; er verkündete strenge Vorschriften über die kirchliche Disziplin und bestimmte die Rückgabe der unter Karl Martell 'säkularisierten' Kirchengüter. Pippin übernahm ähnliche Prinzipien für Neustrien und leitete eine Wiederherstellung des Metropolitansystems ein, indem er durch B. Erzbischöfe für Rouen (Grimo), Reims (Abel) und Sens (Hartbert) weihen ließ; Papst Zacharias wurde um die Pallien gebeten (Konzil von Soissons, 3.3.744). Diese beiden Synoden und die gleichzeitige wichtigste Klostergründung, Fulda mit Sturmi als erstem Abt (744), bezeichnen den Höhepunkt der bonifatianischen Reform. Aber der heftige Widerstand des fränkischen Adels führte zu rascher Krise, die Karolinger wichen zurück. Schon die zweite Reformsynode Karlmanns in Les Estinnes (Hennegau) vom 1.3.744 schwächte die Bestimmungen über die Restitution des Kirchengutes sehr ab. Auch die neustrischen Pläne blieben stecken: Abel konnte sich in Reims gegen Milo nicht halten, Pippin schränkte die Pallienbitte auf Grimo von Rouen ein. Schließlich scheiterte gar die Errichtung einer eigentlichen Kirchenprovinz in Austrasien, denn ein Synodalbeschluß von 745, Köln zum Metropolitansitz des B. zu erheben, blieb unausgeführt. Immerhin gelang es, Gewilib von Mainz zu stürzen, und B. übernahm (wohl 746) dieses Bistum, aber nur als persönlicher Missionserzbischof; Metropolitanrechte erhielt Mainz erst unter Karl dem Großen (780/82).

    Pippin, durch Karlmanns Abdankung seit 747 alleiniger Hausmaier, ließ B. angesichts der übermächtigen Gegnerschaft in der fränkischen Aristokratie jetzt in den Hintergrund treten. Einer Synode, die B. 747 mit 13 Bischöfen an unbekanntem Orte hielt, kam offenbar nur geringe Bedeutung zu. Der Hausmaier nahm unmittelbare Verbindung mit Rom auf, die Führung im Reformwerk (das keineswegs fallen gelassen wurde!) ging an fränkische Persönlichkeiten wie den Abt Fulrad von St. Denis und den Bischof Chrodegang von Metz über. An den Verhandlungen über die Erhebung Pippins zum Könige war B. nicht beteiligt, wenn es auch möglich bleibt, daß er 751 die Königssalbung vollzog. Er trug schwer an den Hemmnissen und bemühte sich, sein Werk nach Möglichkeit zu sichern: er erwirkte 751 die päpstliche Exemtion für seine Stiftung Fulda und 753 die Nachfolge seines Schülers Lul in Mainz. Nicht einmal bei der Reise Stephans II. ins Frankenreich 754 trat er in Erscheinung. Er kehrte zur Friesenmission zurück und fand den Märtyrertod. Seine Leiche wurde feierlich über Mainz nach Fulda gebracht; seine Eingeweide wurden in Mainz beigesetzt.

    „Kein Genie, aber ein Charakter, ein Mann der Tat, des Gewissens und des Gehorsams“ (Hans von Schubert, S. 312), ist B. durch die Ausbreitung des christlichen Kulturbereiches und der Kirchenorganisation auf deutschem Boden ebenso wie durch die Erneuerung der fränkischen Landeskirche im Bunde mit dem Papsttum zu einem Mitbegründer des abendländischen Mittelalters geworden.

    • Werke

      Die Briefe d. hl. B. u. Lullus, ed. M. Tangl, in: MGH I, 1916 (Hauptqu.); üb. Dichtungen, Grammatik, Metrik vgl. Manitius I, S. 149-51, z. Grammatik auch P. Lehmann, in: HV 27, 1932, S. 758-71, u. N. Fickermann, in: NA 50, 1935, S. 210 bis 221. Was sonst unter d. B. Namen überliefert ist, hat als unecht zu gelten; vgl. H. v. Schubert (s. L), S. 299 (L).

    • Literatur

        ADB III;  Vitae s. B. archiep. Mogunt., rec. W. Levison, in: MGH, 1905;  H. Hahn, B. u. Lul, Ihre angelsächs. Korrespondenten, 1883;  Hauck I, S. 418-552;  G. Schnürer, B., 1909;  M. Tangl, Stud. z. Neuausg. d. B.-Briefe, in: NA 40, 1916, S. 639-790, 41, 1917, S. 23-101;  ders., B.fragen, in: Abhh. d. Ak. d. Wiss. Berlin, 1919, Nr. 2;  H. Böhmer, Zur Gesch. d. B., in: Zs. d. Ver. f. hess. Gesch. 50, 1917, S. 171-215;  H. Nottarp, Die Bistumsgründungen in Dtld. im 8. Jh., = Kirchenrechtl. Abhh. 96, 1920;  H. v. Schubert, Gesch. d. christl. Kirche im Früh-MA, 1921, S. 299-312;  E. Caspar, Gesch. d. Papsttums II, 1933, S. 695-723;  J. Lortz, Unterss. z. Missionsmethode u. z. Frömmigkeit d. hl. B., in: Willibrordus, ed. N. Goetzinger, 1940, S. 247 bis 283, u. in: Theol. Quartalschr. 121, 1940, S. 133 bis 167;  W. Levison, England and the Continent in the eighth Century, London 1946, S. 70-93;  J. Haller, Das Papsttum I, 31950, S. 391-402. Letzte Gesamtdarst.: Th. Schieffer, W.-B. u. d. christl. Grundlegung Europas, 1954 (L). Geburtsjahr: F. Flaskamp, in: Zs. f. Kirchengesch. 45, 1926, S. 339-44;  Namenswechsel 719: W. Levison, in: NA 33, S. 525-30, = W. Levison, Aus rhein. u. fränk. Frühzeit, 1948, S. 337-41;  Stand d. Christianisierung beim Auftreten d. B.: H. Büttner, Frühes fränk. Christentum am Mittelrhein, in: Archiv f. mittelrhein. Kirchengesch. 3, 1951, S. 9-55;  Hessen: F. Flaskamp, Das hess. Missionswerk d. hl. B., 21926;  Thüringen: R. Herrmann, Kirchengesch. Thüringens I, 1937, S. 16-37;  Bayern: I. Zibermayr, Noricum, Bayern u. Österr., 1944, S. 172-94 (dazu aber krit. H. Nottarp in: ZSRGK 34, S. 326-40);  R. Bauerreiss, Kirchengesch. Bayerns I, 1949, S. 52-60 u. ö.;  H. Löwe, Ein lit. Widersacher d. B., Virgil v. Salzburg u. d. Kosmogr. d. Aethicus Ister, in: Abhh. d. Ak. d. Wiss. Mainz, 1951, Nr. 11;  Ereignisse v. 741 an: E. Lesne, La hiérarchie épiscopale en Gaule et en Germanie 742-888, Lille-Paris 1905;  C. de Clercq, La législation relig. franque de Clovis à Charlemagne, Löwen 1936, S. 111-30;  Th. Schieffer, Angelsachsen u. Franken, in: Abhh. d. Ak. d. Wiss. Mainz, 1950, Nr. 20, auch z. Chronologie (Concilium Germ. 743, nicht 742);  Friesenmission: J. Jung-Diefenbach, Die Friesenbekehrung bis z. Martertode d. hl. B., 1931;  Todesj.: M. Tangl, in: Zs. d. Ver. f. hess. Gesch. 37, 1903, S. 223-50, u. in: NA 40, S. 788-90;  F. Flaskamp, in: HJb. 47, 1927, S. 473-88;  Grab: H. Beumann-D. Grossmann, Das B.grab u. d. Klosterkirche zu Fulda, in: Marburger Jb. 14, 1949, S. 17-57. - PRE; RGG.; LThK; Dictionnaire d’Histoire et de Géographie Ecclésiastiques IX, 1937; s. a. DW, Nr. 5223-25; L-Ber. 1923-50 v. J. Gottschalk in:StMBO 62, 1950, S. 237-46.

  • Autor

    Theodor Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Theodor, "Bonifatius" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 444-446 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118513249.html

Bonifacius

  • Leben

    Bonifacius. Der heilige Bonifacius, daheim Winfrid genannt, geb. um 680 in der Nähe von Kirton, Gegend von Devonshire, angelsächsischen, also deutschen Stammes. Durch Kleriker, Gäste seines väterlichen Hauses, hat sich der Sinn des Kindes auf kirchliche Interessen gewandt, und der Vater, obwol den Erben seines Grundeigenthums ungern aufgebend, hat den Knaben dem Kloster Exeter (Adescancaster) übergeben, von wo er nach sieben Jahren in das Kloster Nhutscelle zu höhern Studien überging. Er hat in diesen Benedictinerklöstern Grammatik, Rhetorik, Poetik und die heilige Schrift studirt. Das Latein seiner Briefe ist eine lebendige, nicht ungrammatische Sprache, er galt als ein volksthümlicher, salbungsvoller Prediger. Nach seiner Priesterweihe, wahrscheinlich im dreißigsten Jahre, hat er eine Sendung an den König der Westsachsen und eine Botschaft an den Erzbischof von Canterbury mit erwünschter Antwort ausgerichtet. Was seine Zukunft bestimmte, war die Liebe Christi, Wanderlust (amor peregrinationis) und die Gabe organisirender Herrschaft. Das hat ihn als Missionär nach Friesland geführt (716). Er fand dort nur eingeäscherte Kirchen, im Kriege des Frankenfürsten Karl Martel gegen den Friesenkönig Radbot alles in Verwirrung, und kehrte im Herbst des nächsten Jahres nach seinem Kloster zurück. Er ist da während des Winters geblieben, hat nach dem Ableben seines Abtes die Wahl zu seiner Nachfolge abgelehnt und ist im Frühling zur Verkündigung Christi aufgebrochen, diesmal über Meer und Alpen zunächst nach Rom, wo er im Spätherbst 718 ankam. Kraft der Empfehlung seines Bischofs Daniel von Winchester ward er von Gregor II. wohlwollend aufgenommen, blieb während des Winters und wurde im Mai 719 mit dem Vollmachtsbriefe des Papstes entlassen, kraft der Autorität des heil. Petrus den trotzigen Völkern Germaniens das Wort Gottes beider Testamente zu verkünden und die gläubig Gewordenen mit dem Sacramente des apostolischen Stuhles zu weihen. Auch scheint er damals seinen römischen Namen erhalten zu haben, wennn es nicht schon sein Klostername ist, neben welchem doch der deutsche Name, Kampf und Friede bedeutend, auch in seinen Briefen sich erhalten hat. Die Wanderung des B. durch deutsche Lande diesseit des Rheins bis Thüringen scheint vorerst nur eine Kenntnißnahme dieser Gegenden oder ein Zurückweichen vor ihrer Ungunst gewesen zu sein, denn bald ist er wieder in Friesland und|wirkt hier für die Befestigung und Verbreitung des Christenthums drei Jahre lang mit Willebrord, dem alten Bischof von Utrecht. Als der aber ihn zu seinem Nachfolger weihen will, ging er nach Hessen, gründete Amöneburg, wol auch schon Fritzlar, Klöster als Missionsstätten, und zog zum zweitenmal nach Rom. Da hier Gregor II. im November 723 ihn zum Bischof geweiht hat, ist diese Weihe aus höchster Hand wol sein Zweck gewesen; er hat dabei den Eid der Einheit mit dem Glauben und mit den heiligen Satzungen der römischen Kirche geleistet, wie die Bischöfe im Sprengel von Rom ihn zu leisten pflegten. Ein anderer Erwerb dieser Romfahrt war ein Empfehlungsbrief an den Gewalthaber des Frankenreichs. Aber Karl Martel, der seine starke Hand ihm zu reichen versprach, hat mit der Ordnung und mit dem irdischen Gut der Kirche so willkürlich geschaltet, daß bei ihm keine Hülfe war für die Bestrebungen des römischen Apostels, der sich wieder nach Hessen und Thüringen wandte. Seine Wirksamkeit war je nach Bedürfniß eine zweifache: Verkündigung Christi und Zusammenfassung der vorgefundenen christlichen Elemente zur strengen Zucht nach der Ordnung römischer Hierarchie. Als er an die heilige dem Wuotan geweihte Eiche bei Geismar die Axt legte, war er umgeben von seinem klösterlichen Gefolge und von Neubekehrten, eine heidnische Schaar sah wild und scheu zu, ob den Frevler nicht der Donnerkeil des rächenden Gottes treffen werde. Nimmt man dazu, daß B. aus dem Holz eine Capelle des heil. Petrus erbaut hat, so wird das gefällte und das auferbaute Heiligthum zum Sinnbilde seiner gesammten Wirksamkeit. In Thüringen östlich vom Inselberg hat er dem Erzengel Michael das Kloster Ohrdruf geweiht und in jener Gegend am Fuße des Thüringer Waldes gepredigt, wo auf einer Waldwiese bei Altenberge ein heiteres Volksfest protestantischer Frömmigkeit seinem tausendjährigen Andenken einen monumentalen Candelaber geweiht hat, ein ebenso sinnvolles als geschmackloses Denkmal. Nach dem Bericht über seine Erfolge ist B. durch Gregor III. 732 unter Zusendung des Palliums als Erzbischof begrüßt worden, mit dem Rechte, in den für Christus gewonnenen Landen Bischöfe einzusetzen. Wiefern er hiermit die höchste Würde innerhalb einer Landeskirche erreicht hat und schon um diese Zeit seine Briefe erließ als apostolischer Legat für Deutschland, Knecht der Knechte Gottes, kann seine dritte Wallfahrt nach Rom 739 und ein fast jähriger Aufenthalt daselbst nur seiner Neigung und dem Wunsche angehören, auch diesen Papst persönlich zu begrüßen und sein künftiges Thun mit ihm zu berathen. Er ist mit zahlreichen Adressen an Fürsten, Bischöfe und Volksstämme über die Alpen zurückgekehrt und hat seitdem die kirchlichen Angelegenheiten diesseit und jenseit des Rheins vornehmlich durch Synoden geordnet, welche seit Menschenaltern nicht mehr gehalten worden waren und fortan die regelmäßig wiederkehrenden Organe der kirchlichen Ordnung werden sollten. Auf diesen Synoden saßen neben Bischöfen und Aebten auch die weltlichen Großen des Landes und des Hofs. B. hat zunächst in Baiern unter Begünstigung des Herzogs Odilo die Bisthümer Salzburg, Freising, Regensburg und Passau eingesetzt, nicht ohne großes Widerstreben der Betheiligten. Nach dem Tode Karl Martels (741) erhielt er in dem ostfränkischen Reiche, dem Karlmann als Majordomus vorstand (bis 747), entschiedenen Einfluß und gründete die Bisthümer Würzburg, Buraburg und Eichstädt, während ein Bisthum Erfurt nicht zur Wirklichkeit gelangt scheint. Tief im Buchonischen Walde an der Fulda erbaute er (seit 742) durch seinen aus Baiern mitgebrachten Liebling das nach dem Fluß genannte Kloster als ein einsames Gotteshaus zu einem Leben der Entsagung und frommen Beschaulichkeit, dahin er selbst sich möglichst jedes Jahr auf einige Wochen zurückzog. Im westlichen Frankenreiche, unter dem Majordomus Pipin weniger gern gesehen, hat er doch auf einer Synode zu Soissons 744 drei Bischöfe als Erzbischöfe zur|Anerkennung gebracht und sie vermocht als Zeichen dieser Würde aus Rom das Pallium zu empfangen, das sie als ein Zeichen der Abhängigkeit scheuten. Der als Oberbischof Waltende hatte noch keinen festen Sitz. Er wünschte als solchen Köln. Aber auf einer Gesammtsynode der beiden fränkischen Reichstheile 745 war der Bischof von Mainz Gewielieb, der an dem Mörder seines Vaters Blutrache geübt hatte, auch eines ungeistlichen Lebens mit Falken und Jagdhunden beschuldigt wurde, entsetzt worden, und B. erhielt auf der nächsten Synode 747 Mainz als erzbischöflichen Sitz, was der Papst  Zacharias 748 bestätigte, indem er als Mainz untergeben anführt: Tongern, Köln, Worms, Speier, Utrecht und alle Völker Deutschlands, denen B. das Licht Christi gebracht habe.

    Die innern Gegensätze seiner Kirchenverwaltung waren theils Ueberreste altgermanischer Religion und Poesie zu einer Zeit, als es noch Priester gab, die auf den dreieinigen Gott tauften und dem Wuotan Opferstiere schlachteten, theils die nationale Sitte, die an jagdlustigen und kriegerischen Klerikern keinen Anstoß nahm; theils und vor allem waren es Eigenthümlichkeiten der altbritischen Kirche, die sich dem römischen Legaten entgegenstellten, der wol auch übrigens ehrbare Priester Mörder und Hurer schalt, weil sie nach germanischer oder britischer Sitte lebten. Zu besonderem Aerger waren ihm zwei Irrlehrer: Clemens, der in seinen Söhnen keinen Eintrag seiner geistlichen Wirksamkeit erkennen wollte und die Höllenfahrt Christi zunächst den Heiden zu Gute kommen ließ; Aldebert, der mit einem vom Himmel gefallenen Brief und mit Gebeten voll unerhörter Engelnamen dem Volk als ein Heiliger galt, auch die Beichte verwarf. B. findet beide immer am Hofe Karlmanns, er läßt sich vom Papste trösten über diese unvermeidliche Gesellschaft, er hat auf einer Synode (743) ihre Einsperrung durchgesetzt, die von Aldebert im Freien errichteten Kreuze werden verbrannt, aber bald stehn die Gegner ihm wieder frei gegenüber; da bewirkt er auf einer römischen Synode ihre Verdammung (745). Nur nach einer Mainzer Ueberlieferung ist Aldebert nach der Abdankung seines Gönners Karlmann im Kloster Fulda eingesperrt, nach langer Haft entflohn und von Ochsenhirten erschlagen worden.

    B. erhielt aus seiner Heimath mannigfache Unterstützung, insbesondere folgsame und opferfreudige Mönche, auch fromme Nonnen boten sich seinem Dienste an. Er empfing Geschenke aus England und von den Neubekehrten; im Reiche Karlmanns wurde ihm aus jedem ländlichen Gehöft eine jährliche Steuer, ungefähr der Betrag eines Tagelohns, bewilligt. Von einer Aebtissin in England erbittet er sich die Briefe seines Herrn, des heil. Petrus, mit goldenen Buchstaben geschrieben, was auf fleischliche Augen einen besondern Eindruck mache. Seine eigenen Briefe sind nach der Sitte jener Zeit nicht selten mit Geschenken begleitet, ein Gewand, eine Fußdecke von Ziegenhaar, zwei Krüge Wein. Einem angelsächsischen Könige sendet er einen Habicht, zwei Falken, zwei Schilde, zwei Lanzen, dazu der Königin einen silbernen Spiegel und elfenbeinernen Kamm. Einem römischen Gönner ein Leinentuch zum Gebrauch der Messe und einen silbernen Pokal; als Gegengeschenk erhält er 2 Pfund Pfeffer, 1 Pfund Rauchwerk, 4 Unzen Zimmet. Aus Rom hat er Gebeine von Märtyrern mitgebracht. Die Rathschläge, die er vom heil. Vater erbittet, sind nicht immer tiefern Gehaltes. Ob den Deutschen erlaubt sei Speck zu essen? Der Papst antwortet: die heiligen Väter haben darüber nichts hinterlassen, doch rathe er, nicht ungeräuchert oder gekocht, wenigstens nicht vor Ostern. Auch Pferdefleisch zu essen, verwirft der Papst als abscheulich und der Buße bedürftig, B. verbietet daneben das Fleisch von Bibern und Hasen. In einem Empfehlungsbrief an die Sachsen, mit denen B. doch nur in leichten Grenzverkehr gekommen ist, werden sie gewarnt vor den Verführungen der Philosophie. Aber wie die römischen Empfehlungsbriefe an die fränkischen|Machthaber schützende Mächte wurden für den Angelsachsen, so haben die Weihen und Segnungen des fernen Hohenpriesters seine kirchliche Wirksamkeit in eine Glorie verhüllt. Er ist nicht der Apostel, aber der Kirchengründer Deutschlands geworden, und wie die Kirche ihm die Anstalt war zur irdischen Zucht und zum himmlischen Heil, so war unter den gegebenen Verhältnissen nur auf diese Weise die Ordnung und Einigung zu einer großen Nationalkirche möglich. Er hat sie dem Papste unterworfen, weil er sich selbst in seinem Herzen dem göttlichen Statthalteramte unterthan fühlte. Daher wo er Unkirchliches in Rom sah, ihm nicht der Freimuth fehlte sich darüber zu beklagen. Er klagt wegen der Aussage eines vornehmen Laien, der vom Papst Erlaubniß erlangt haben wollte, eine Blutsverwandte und die zu Lebzeiten ihres Mannes Nonne geworden war, zu heirathen; wenn dergleichen in Rom gestattet werde, sei unmöglich so fleischliche Menschen wie die Alemannen, Baiern und Franken in eine christliche Ordnung zu bringen. Er klagt, daß Wallfahrer aus deutschen Landen erzählen, wie zu Anfange des Jahres in Rom leichtfertige Tänze, heidnische Gesänge und allerlei Zauberwerke aufgeführt würden. Er klagt, daß für die Ertheilung der Pallien schwere Taxen in Rom erhoben würden. Der milde Papst Zacharias hat ihm geantwortet: daß jene Erlaubniß zu schmachvoller Heirath niemals in Rom ertheilt worden sei; daß jene Unziemlichkeiten längst abgestellt seien, und sollte sich durch des Teufels Eingeben noch etwas der Art regen, seien Maßregeln dagegen ergriffen; daß aber in Rom Geld genommen würde für die Ertheilung der Pallien, daß die Gnade des heil. Geistes verkauft würde, und also der Nachfolger St. Peters mit seinen Klerikern in die Ketzerei der Simonie verfallen sei, das sei ferne! und so verletzendes Wort möge der geliebte Bruder nie wieder schreiben. Die Annalen von Lorsch berichten, daß der päpstliche Segen über die Palastrevolution, durch welche der Majordomus Pipin mit Verdrängung der legitimen Dynastie König des Frankenreichs geworden ist (752), durch B. vermittelt worden sei, der zu diesem Zwecke den Abt von St. Denys und den Bischof von Würzburg nach Rom gesandt habe. Das Schweigen der ältesten Biographie über eine Mitwirkung, welche zu dieser Zeit dem B. zu hoher Ehre gereicht hätte, spricht dagegen. Ebenso das Schweigen gleichzeitiger Annalen. Noch mehr spricht dagegen die Entfernung, ja Entfremdung, in welcher B. noch in seinen letzten Jahren vom Hofe Pipins gelebt hat. Die Annalen von Lorsch sind nicht vor 763 begonnen, und ist sehr wohl denkbar, daß über eine Sache, die damals noch manches Gewissen bewegte, das Ansehn des B., des bereits mit der Märtyrerglorie geschmückten Volksheiligen, zu Ehren des neuen Königshauses in diese Intrigue gezogen wurde. Daß er hochbejahrt und vom Alter gebeugt noch einmal nach Friesland zog, kann zum Grunde haben Mißmuth über die Widerwärtigkeiten seiner amtlichen Hoheit oder auch nur ein Wiederaufleben der abenteuerlichen Lust seiner Jugend für die Ausbreitung und Befestigung des Reiches Christi. Auf seinen Wunsch, bei Lebzeiten einen Nachfolger zu erhalten, wollte der Papst nicht eingehn, bewilligte aber fast dasselbe, daß er einen Gehülfen annehme, der sein Nachfolger werden möge. Er hat als solchen seinen getreuen Jünger und Landesgenossen Lullus in Mainz zurückgelassen. Er hat auch geboten, in die Bücherkiste, die er mitnahm, ein Leinentuch zu legen zu seiner Bestattung. Er hatte sein Zelt an der Borne aufgeschlagen, zum 5. Juni 755 war eine Menge bereits Getaufter bestellt um die Firmung zu empfangen. Ihrer Ankunft kam eine heidnische Raubschaar zuvor. Jünglinge, die mit B. waren, beginnen einen verzweifelten Kampf der Vertheidigung, da tritt er aus dem Zelt und gebietet ihnen die Waffen niederzulegen, der Tag seines Abscheidens sei gekommen, sie möchten jetzt muthig mit ihm sterben um ewig mit Christo zu regieren. Als die Christen kamen, fanden sie nur Erschlagene. Der Leichnam des B., den Utrecht, dann Mainz als ein Heiligthum festhalten wollte, ist, wenn auch nicht durch die Erscheinung, doch im Sinne des Todten nach Fulda gebracht worden.

    Sein Leben liegt gutentheils urkundlich uns vor in seinen Briefen an die vier Päpste in der Zeit seiner Thaten, an Fürsten, Bischöfe und an mancherlei Genossen seiner Arbeit, sowie ihre Briefe an ihn. (Epp. ed. Würdtwein, Mog. 1789 f. Giles, Oxon. 1844. 2 T.) Seine Biographie hat der Presbyter Wilibald in Mainz rhetorisch im Sinne der höchsten Verehrung geschrieben (als Vita vel Passio wie fast jedes große Menschenleben, Monumenta Germ. SS. T. II. p. 331 sqq.), dazu aufgefordert von Lullus, nach dessen und anderer Jünger Mittheilungen, also nicht aus unmittelbarer Anschauung. Wie doch für seine geschichtliche Treue das Zurücktreten des Wunderbaren an einem Heiligenleben spricht, so hat ein späterer Zeitgenosse, ein unbekannter Presbyter in Utrecht, gegen den Vorwurf seines Verschweigens der Wunder dies ausdrücklich betont, die Wunder des heil. B. seien geistiger Art gewesen, er habe den Unglauben der Gelähmten, die Unwissenheit der Blinden, die Herzenshärte der Tauben geheilt. Was dann die Sage naturgemäß hinzugethan, dieses Wunderbare einerseits, das Historische in den Briefen des Heiligen andererseits hat Othlo, Mönch aus Regensburg, jahrelang Gast im Kloster Fulda, nach dem Verlangen der dasigen Mönche mit den Nachrichten Wilibalds nach der Mitte des 11. Jahrhunderts zusammengefaßt (Acta Sanctt. Jun. I. p. 452 sqq. Auszüge Monum. Germ. SS. T. II. p. 357 sqq.). Schon ältern Ursprungs ist die Legende: als zur Essenszeit keine Speise vorhanden war, ließ B. im Vertrauen, daß, der sein Volk 40 Jahre in der Wüste ernährt habe, auch heut die Seinen nicht verlassen werde, den Tisch bereiten, und ein vorüberfliegender Vogel ließ einen Fisch fallen, hinreichend für alle, und zwar nicht unangemessen der Gegend von Ohrdruf eine Forelle.

    • Literatur

      Vgl. J. Ch. Seiters, Bonifacius, der Apostel der Deutschen. Mainz 1845. Unkritische Tendenzschrift.— Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands. I. S. 330 ff. — A. Werner, Bonif. u. d. Romanisirung v. Mitteleuropa. Lpz. 1875.

  • Autor

    Hase.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hase, "Bonifacius" in: Allgemeine Deutsche Biographie 3 (1876), S. 123-127 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118513249.html?anchor=adb

Bonifatius

Portrait(nachweise)

Bonifatius